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[wp-svg-icons icon="pencil-2" wrap="i"] Selbstversuche der Absichtslosigkeit

Posted on August 26, 2017

von Jutta Goldammer

Seit zwei Tagen sitzen wir wieder am Schreibtisch und hinter uns liegt eine herrliche Auszeit mit Natur, Tanzen und Seele baumeln lassen. „So viel unverplante Zeit, was für ein Luxus!“, war mein erster Gedanke. „Was für eine Notwendigkeit!“ mein zweiter.

Warum Notwendigkeit? Weil Absichtslosigkeit Nebenwirkungen hat, die mich lebendig machen und die für Zukunftsgestaltung wichtig sind: Unvoreingenommenheit und kreative Freiräume.

Unvoreingenommenheit

Die Philosophin und Vordenkerin Natalie Knapp, die mich in den letzten Jahren sehr inspiriert hat, schreibt in ihrem Buch “Kompass neues Denken”, dass die Herausforderungen einer zunehmend komplex verwobenen Welt nicht mit noch besserer und genauerer Planung gemeistert werden können. Vielmehr braucht es vor allem Menschen, die die Fähigkeit zu einer Art gesellschaftlicher Gruppenimprovisation besitzen, um an einem gemeinsamen Gesamtkunstwerk mitzuwirken, bei dem keiner der Beteiligten genau überblickt, wie es aussehen wird. Folglich kann auch kein Einzelner wissen, wo es langgeht. Es braucht feine Antennen und Offenheit, um die Impulse der anderen wahrzunehmen und den eigenen Beitrag darauf abzustimmen. Diese dafür notwendige, feine Wahrnehmung lässt sich am besten dann üben, wenn nicht der Zweck der Tätigkeit schon vorab filtert, welche Impulse wichtig sind und welche nicht. In Räumen der Absichtslosigkeit sind wir freier für die Wahrnehmung dessen, was da ist.

Kreative Freiräume

Absichtslosigkeit bietet Freiräume, in denen Ungeahntes entstehen kann. Beobachtet man Kinder beim Spielen, bemerkt man, dass es meistens nicht die Multifunktionspuppe ist, die die Fantasie beflügelt, sondern oft auf den ersten Blick unspektakuläre Gegenstände. Und Brachflächen in der Stadt, die ihren einstigen Nutzen verloren und ihre neue Bestimmung noch nicht gefunden haben, gehören aus Naturschutzperspektive wegen ihrer ungeheuren Habitat- und Artenvielfalt zu den wertvollsten Flächen einer Stadt. Nicht wegzudenken sind auch die zahlreichen kreativen Zwischennutzungskonzepte, die z. B. in Berlin die Kulturlandschaft bereichern.

Absichtlich absichtslos

Absichtslosigkeit lohnt sich also aus vielerlei Gründen. Ich weiß, hier widerspreche ich mir selbst: Ich übe Absichtslosigkeit, mit der Absicht, positive Wirkungen zu erzielen! Bei diesen Gedanken wird mir erst bewusst, wie tief verstrickt ich in dem allgegenwärtigen Paradigma der Nutzenmaximierung bin. Ich bewege mich in einer Welt des Impacts, der Wirkungsmessung, des Return on Investments. Ich kenne viele Idealisten, deren Arbeit ich sehr schätze, aber die sich durch ein erbarmungsloses “Entscheidend ist, was hinten rauskommt” oft in Selbstausbeutung, Überarbeitung und prekären Lebensbedingungen wiederfinden, die schlichtweg nicht nachhaltig sind.  Ausgerechnet der Bereich der Weltverbesserung scheint drauf und dran zu sein, die Werte unserer Leistungsgesellschaft auf die Spitze zu treiben und noch wirtschaftlicher und effizienter als ein „normales“ Wirtschaftsunternehmen sein zu wollen. Stifter, Investorinnen, Förderer wollen sehen, dass etwas Vorzeigbares und Messbares hinten rauskommt. Ihr gutes Recht. Und doch meldet sich bei mir eine unruhige innere Stimme: Will ich mit meinem Sozialunternehmen diese Werte des schneller, weiter, höher, effizienter bedienen und damit - wenn auch nur unbeabsichtigt - zu einer Welt beitragen, in der der Wert eines Menschen an seinem Nutzen bemessen wird?

Mein Wunsch nach Absichtslosigkeit wird lauter. Aber wie rette ich die lieb gewonnene Absichtslosigkeit aus dem nun hinter mir liegenden Urlaub in mein Alltagsumfeld voller Nutzen? Hier ein paar Gedanken und Erkenntnisse aus meinen Selbstversuchen:

Mich selbst überlisten

Mein erster Versuch, mich aus diesem Widerspruch zu befreien ist, den nach Leistung lechzenden Teil in mir zu besänftigen und ihm die erwähnten Argumente von Unvoreingenommenheit und kreativen Freiräumen zu liefern, warum es ganz wichtig ist, Absichtslosigkeit zu üben. Irgendwann werde ich ohne diese Argumente auskommen, aber als Anfängerin in Sachen Absichtslosigkeit dienen sie mir als hilfreiche Stützrädchen.

Die Magie der Pause

Darüber hinaus hilft mir der Gedanke, dass ich nicht von einem Extrem ins andere fallen muss, und alles, was bisher super leistungsorientiert war, in ausnahmslos absichtslos umzuwandeln. Wenn ich das lineare Denken des Höher-Schneller-Weiter beiseite lege und in Systemen und Kreisläufen denke, ist mehr nicht mehr automatisch besser. Es leuchtet ein, dass ein Wald nicht umso gesünder ist, je mehr Rehe er beherbergt. Es gilt, eine ausgewogene Balance zwischen den Waldbewohnern zu finden. Genauso mache ich mich auf die Suche nach einer Balance zwischen Tätigkeiten mit klarer Intention und Räumen der Absichtslosigkeit. Ich denke an ein Musikstück. Ich höre der Musik zu und darin gibt es Pausen. Sie unterstreichen die Musik. Und sie kommen erst durch die Töne vor und nach der Pause richtig gut zur Geltung. Ich schaffe mir zeitlich begrenzte Räume der Absichtslosigkeit. Die Begrenzung hilft mir, sie zu genießen und mich darauf einzulassen.

Das gleiche anders tun

Ich lerne, dass Absichtslosigkeit nicht Beliebigkeit bedeutet. Und es bedeutet auch nicht unbedingt Entspannung oder weniger Aufmerksamkeit. Ich kann voller Konzentration ein Musikinstrument spielen oder mich ganz und gar auf ein Gespräch einlassen. Der Unterschied besteht darin, dass ich nirgendwo hin muss mit der Musik oder dem Gespräch. Ich erlaube mir, dass sich das entfaltet, was sich im Zusammenspiel mit meinem Improvisations- oder Gesprächspartner entwickeln kann. Besonders deutlich wird mir das beim Tanzen: Ich erlebe den Kontakt mit meinem Tanzpartner, der Musik, dem Boden und den anderen Tanzpaaren. Ich bewege mich. Aber es geht nicht darum, vorwärts zu kommen, eine bestimmte Anzahl an Runden zu drehen oder soundsoviel Kilometer Strecke zurückzulegen. Ich versuche, meine Tätigkeiten auf meine Absicht abzuklopfen und zu hinterfragen: Gehe ich in den Wald, um meinen Stress abzubauen, um fit zu bleiben oder ein kniffliges Problem zu durchdenken und reduziere dabei mich und den Wald auf diesen eingeschränkten Nutzen oder gelingt mir ein Waldspaziergang um des Spazierenwillens? Ich ersetze hie und da ein “um zu” durch ein “weil ich das will”. Es tut mir gut, immer wieder Dinge um ihrer selbst Willen zu tun. Ich möchte nicht nur gestalten, indem ich tolle Projekte umsetze, bei denen was Gutes hinten rauskommt. In der Tat wird mir das immer weniger wichtig. Sondern ich möchte zunehmend das Wie des Weges mitdenken. Ich möchte Verantwortung übernehmen für die Werte und Aussagen, die ich mache, während Projekte entstehen, für die Beziehungen mit den Menschen und Dingen, die mir dabei begegnen.

Heute schonmal absichtslos gemeldet?

Es gibt Momente, die geradezu einladen zur Absichtslosigkeit. Sie sind so nutzlos, dass es ohnehin ein Krampf ist, ihnen einen Nutzen zu verleihen. Dazu gehören für mich Wartesituationen, z.B. an der roten Ampel oder an der U-Bahnhaltestelle. Eine Zeitlang habe ich Vokabeln gelernt oder Reklamheftchen gelesen. Beliebt ist es auch, auf dem Handy eben noch schnell die Emails zu checken, während der zwei Minuten, bis die U-bahn kommt. Dabei kann es so erfrischend sein, einfach so dazusitzen und zu wissen, dass man gerade nichts tun muss, als als alles so geschehen zu lassen, wie es gerade geschieht und dabei Zeugin sein zu dürfen. Ist das nicht toll?!?

 

Was sind eure Erfahrungen mit Absichtslosigkeit? Experimentiert mit mir mit und teilt eure Erfahrungen hier in den Kommentaren :-)

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